Estland – Ich bin wie du, du bist wie ich?

Historische Altstadt von Tallinn

Wie kam ich dazu, wenn es draußen kälter und eher dunkel wird, statt in den warmen Süden nach Estland zu reisen. Ganz einfach! Indem ich Musik gehört habe und aus einer anfänglichen Schnappsidee eine einwöchige Reise wurde. Es begann jedoch mit „Helsinki“ von Julien Doré und Melanie Pain, bis ich vor den Kosten erschrak und nur 80 km entfernt auf der anderen Seite der Ostsee – Tallinn entdeckte. Das Ziel meiner Reise und im Ohr “Ma olen Tartu ja sina oled Tallinn” von Paha Polly. Und wenn du nur ein paar Stunden hast, in denen es nicht dunkel ist, dann nutzt du sie und gehst raus, bereit Land und Leute zu entdecken.

Paha Polly „Ma olen Tartu“

Bald 30 Jahre ist Estland nun unabhängig – die Wirtschaftskrise 2008 überstanden und zu e-Estonia geworden. Digital, vernetzt, innovativ. Der Weg in die Unabhängigkeit begann in den 1980er Jahren, als die Sowjetunion auseinander fiel. Friedlich – getragen von den Stimmen 100.000er Est*innen und vor allem singend, so verlief die Revolution, wird gesagt. Die singende Revolution.

Mich begeisterte der Pioniergeist, der nur 1.4 Millionen Est*innen, von denen heutzutage noch etwa 25% zur russischen Bevölkerung gehören. 2018 feiert Estland nun seine Unabhängigkeit, die es erstmals 1918 errang, doch schnell wieder verlor, als Hitler und Stalin sich Osteuropa aufteilten.

100 Jahre Unabhängigkeit – Ein Grund zum Feiern

Tartu – Kultur- und Unistadt Estlands – hat zwar keine 100.000 Einwohner, ist aber so lebendig und vielfältig, dass sich die kulturelle und kreative Szene nicht verstecken braucht. Der Ruf der Stadt eilt ihr voraus. Die älteste Universität Nordeuropas ist hier zu Hause.

Laheema National Park – Land der Birkenwälder und Moore: Estland verbindet die Idylle der Ostsee mit der Mystik des Waldes und der Fabelwesen und Geschichten der Moore im National Park. Geprägt von Seefahrt und dem Handel mit den Nachbarn im Norden und von der winterlichen Kälte erstrahlen zwischen den Wäldern im Norden alte Herrenhäuser, einst von reichen deutschen Familien bewohnt, heute oft verlassen zwischen Verfall und Denkmalschutz.

Streetart gehört zu Estland so wie Ostsee und Moore. Vor allem in Estlands Hauptstadt im ehemaligen Industriegebiet Telliskivi und der alten Musikhalle aus Sowjetzeiten ist ein Paradies der Graffiti-Künstler. Aber auch Tartus Streetartszene ist bunt und lebendig. Ein Spaziergang durch Karlova lohnt sich für die Freunde der Straßenkunst.

Tallinn: Zwischen historischen Mauern der alten Hansestadt schwebt der Gründergeist und der Freiheitsgedanke durch die Stadt.

Estland im November

Laheema Nationalpark an der Ostseeküste Estlands

Ein grauer Schleier von Depression zieht von der Ostsee übers Land
Und steigt wie Nebelschwaden über den Mooren hinauf.
Ein Land von Feen verzaubert,
das Gespenst der vergangenen Sowjetzeit abschüttelnd.
Vom Pioniergeist und einem unbändigen Willen getrieben,
bereit für die Freiheit und Unabhängigkeit einzustehen.
Kraftvoll und mit Begeisterung eine friedliche Revolution herbei singend.
Zwischen innerer Zerrissenheit dem Wandel der Zeit begegnend.

Ein Land zwischen den Welten.

Während die kreative Szene die alten verlassenen Fabriken an der Telliskivi zum Treffpunkt für Inspiration erkoren hat, schwebt durch die Straßen der Vororte ein Hauch von Wodka.
Die Gesichter fahl
Huschen zwischen den Wohnsilos – einst Heimat unzähliger russischer Arbeiter – entlang
und werden unsichtbar im nassen Grau des Novembers.

Zwischen Aufbruch und Zusammenbruch.
Faszinierend vielseitig zwischen estnischer Folklore,
sowjetischer Altlast und digitaler Bohème.
Tallinn.
Zerbrechliche Zukunft von einem kurzen Sonnenstrahl erwärmt,
Von der Euphorie der Digitalisierung beflügelt.
Von dem Willen nach Freiheit getrieben.
Dazwischen ein Relikt aus vergangener Zeit – Tallinns Altstadt – einst ehrwürdige Hansestadt.