Estland im November

Laheema Nationalpark an der Ostseeküste Estlands

Ein grauer Schleier von Depression zieht von der Ostsee übers Land
Und steigt wie Nebelschwaden über den Mooren hinauf.
Ein Land von Feen verzaubert,
das Gespenst der vergangenen Sowjetzeit abschüttelnd.
Vom Pioniergeist und einem unbändigen Willen getrieben,
bereit für die Freiheit und Unabhängigkeit einzustehen.
Kraftvoll und mit Begeisterung eine friedliche Revolution herbei singend.
Zwischen innerer Zerrissenheit dem Wandel der Zeit begegnend.

Ein Land zwischen den Welten.

Während die kreative Szene die alten verlassenen Fabriken an der Telliskivi zum Treffpunkt für Inspiration erkoren hat, schwebt durch die Straßen der Vororte ein Hauch von Wodka.
Die Gesichter fahl
Huschen zwischen den Wohnsilos – einst Heimat unzähliger russischer Arbeiter – entlang
und werden unsichtbar im nassen Grau des Novembers.

Zwischen Aufbruch und Zusammenbruch.
Faszinierend vielseitig zwischen estnischer Folklore,
sowjetischer Altlast und digitaler Bohème.
Tallinn.
Zerbrechliche Zukunft von einem kurzen Sonnenstrahl erwärmt,
Von der Euphorie der Digitalisierung beflügelt.
Von dem Willen nach Freiheit getrieben.
Dazwischen ein Relikt aus vergangener Zeit – Tallinns Altstadt – einst ehrwürdige Hansestadt.

Traumtänzer

Außer Atem und mit hochrotem Kopf stand er endlich vor den Regalen mit Büchern, deren Titel er kaum auszusprechen vermochte. Er ließ sich auf den Stuhl sacken, den er in einer Ecke entdeckte. “Puh, warum ausgerechnet ganz oben!” schnaubte er, sein Puls auf 180. Stufe für Stufe hatte er sich die schier nicht enden wollende Treppe hinaufgequält. Aufzug? Nein, dass verbat ihm sein sportlicher Ehrgeiz. Und wenn er eins beherrschte, dann doch wohl Ehrgeiz und Disziplin.

“Hach ja, ich war auch schon mal fitter”, rutsche es ihm raus. “Suchen Sie etwas? Kann ich ihnen helfen?”, fragte eine zarte Stimme vorsichtig. Vor ihm stand eine junge bezaubernde Frau und schaute ihn leicht verwundert, aber vor allem besorgt an. Er richtete sich auf, nahm Haltung an. Instinktiv zog er seinen Bauch ein, sein Jacket spannte etwas. “Ja, Madame Bovary”, entwich es seinen Lippen. “Oh, ein Romantiker” sagte sie schmunzelnd und lächelte verschmitzt. “Bleiben sie ruhig sitzen und ruhen sie sich aus, ich hole es ihnen flink.” “Wollen sie nicht ihren Stapel Bücher ablenken, ich passe auf sie auf, so schnell renne ich nicht weg” sagte er laut lachend. Erst jetzt entdeckte er, die zwei großen bunten und glitzernden Reifen, die sie an ihrem linken Arm trug während sie einen riesigen Stapel Bücher jonglierte. “Lassen sie mir ihre Hula Hoop Reifen ruhig auch da, dann kann ich meinen alten Körper wieder in Schwung bringen,” fügte er augenzwinkernd hinzu. Er liebte diese Reifen. Früher als er noch im Training stand, genoss er die bewundernden Blicke der jungen Damen und das Glitzern in den Augen der Kinder. Seine Gedanken gingen auf eine Reise, so wie er es bis vor wenigen Jahren selbst getan hat. Damals als er als Balletttänzer auf den Brettern gestanden hatte, die die Welt bedeuten. In Montréal hatte er getanzt, am Broadway und einmal sogar war er mit dem Russischen Staatsballett auf Tournee. Jetzt saß er hier, müde von den vielen Stufen. Ein wenig eingerostet über die letzten Jahre und beobachtete all die jungen Menschen in der Bibliothek, die flink und leichtfüßig durch die französischen Klassiker tanzten und den leidenschaftlichen Rhythmen der lateinamerikanischen Autoren folgten.

Da funkelten und glitzerten ihn die Reifen an, die seine zufällige Retterin neben ihm abgestellt hatte. Er verspürte dieses Kribbeln in seinen Zehenspitzen, so wie früher. Er fasste sich ein Herz. Durchgeatmet hatte er und wer rastet, der rostet, so seine Maxime. Er lugte kurz um die Ecke, um sich zu vergewissern, dass er alleine war, nahm die beiden Hula Hoop Reifen und begann seine Hüften zu schwingen. In ihm steckte noch immer der Tänzer. Die Hula Hoop Reifen zogen ihre Kreise und ein Lächeln flog über sein Gesicht. Er fühlte sich wieder jung, auch wenn es hier und da im Knie und in der Hüfte etwas zwickte. Er hatte gar nicht gemerkt, dass seine Retterin schon mit einem Stapel Bücher zurück war. Und nicht nur sie, mittlerweile hatte sich eine kleine Gruppe am endlegendsten Fleck der Bibliothek versammelt. Sie schauten ihm bewundernd zu. Ihm, dem in die Jahre gekommenen alten Mann, wie er leicht beschwingt und elegant seine Hüften kreiste und die Reifen in Bewegung hielt. Als er sie entdeckte, lies er vor Schreck die Reifen zu Boden fallen. Sie lächelten ihm aufmunternd zu und riefen: “Applaus! Applaus!”

Stehen oder Gehen

Kopf leer!
Anhalten.
Wieder fahrt aufnehmen.
Gehen oder stehen?
Innehalten, sich selbst entfalten.

Rückzug.
Das eigene Leben klar kriegen.
Lass mal die anderen links liegen.
Fliegen, einfach nur fliegen.
Wie ein Baum die Äste im Winde wiegen.

Weht der Wind mich um?
Nein, sei doch nicht dumm.

In dir schlummert deine Kraft, sie gibt dir Halt
Und weiß, wie man das alles schafft.

Dieses Leben, viel zu viel gegeben.
In deinem Herzen ein großes Beben.
Ach, einfach nur leben.
Streben, dieses ständige Streben.
Nein, so will ich nicht leben!

Vorwärts, munter immer weiter,
Hinauf und hinunter die Karriereleiter.
Einfach nur weiter.

Du bist gestolpert und gefallen.
Hinaus, hinfort, hör auf zu gefallen.
Sei du, du bist genug.
Hör auf mit dem anderen Unfug.
Dein Leben, du bist jetzt am Zug.

Lauf, lauf geschwind,
dahin, wo all deine Träume sind.

Zeugnis eines Theaters

Es wurde dunkel im Saal, die Lichter waren alle erloschen. Versunken in den weichen, durchgesessenen roten Sesseln saß ich da und atmete die Luft des alten Theaters ein. Ich war die einzige in dem Theater, die Tür stand einen Spalt weit offen und die Neugier zog mich unweigerlich hinein. Weder im Foyer noch an der Garderobe war eine Menschenseele zu entdecken, kein Gast und kein Mitarbeiter kreuzte meinen Weg hinein in den Theatersaal. Ich war allein.

Als sich plötzlich der Vorhang öffnete und das Licht auf der Bühne anging. Mit einem Schlag war die Bühne hell erleuchtet. Ich zuckte zusammen und erschreckte mich, mein Herz raste. Bisher war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, dass das Theater völlig verlassen war. Auf der Bühne. Trümmer. Zerstörte Kulissen hingen müde vom Kampf von der Decke hinab, trostlos und traurig an einem Seil, das zu zerreisen drohte. Auf dem Boden zerbrochene Scherben, ein zerbrochener Stuhl, der wohl sein eines Holzbein eingebüßt haben musste. Ein Schauer lief mir über den Rücken und ich spürte, wie sich die Gänsehaut langsam auf meinem Körper ausbreitete. Wie gefesselt saß ich auf meinem Stuhl und konnte mich kaum rühren. Ich war angesichts der Szene, die sich mir darbot, völlig erstarrt und reglos. Durch meinen Kopf schossen tausende Gedanken. Was mochte sich wohl hier abgespielt haben?

Ich atmete tief ein, so wie ich es in all den Yoga-Kursen und Achtsamkeitsratgebern dieser Welt schon oft gelesen hatte. Ich fühlte, wie ich ganz langsam und allmählich erst meine Finger, Glied für Glied, dann meine Hände und meine Arme und schließlich meinen ganzen Körper wieder bewegen konnte. Die anfängliche Schockstarre wich von mir und ich spürte wieder das Blut in meinen Adern pulsieren. All meinen Mut zusammgenommen kletterte ich die kleine Treppe an der linken Seite des roten, schweren Samtvorhangs hinauf. Das Holz knarrzte mit jedem Schritt unter meinen Füßen. Eine Holzlatte ragte ein wenig aus dem Boden hinaus und ich stolperte beinahe, konnte mich aber gerade noch so an dem zerborstenen Stuhl abstützen statt in die Scherben zu fallen. Zwischen all den Scherben, die vor meinen Füßen lagen, entdeckte ich ein Dokument. Bei genauerem hinsehen, erkannte ich einen Reisepass. An der Stelle, wo normalerweise ein Foto war, klaffte ein Loch. Das herausgerissene Foto fiel zu Boden. Auf dem Foto war ein junger Mann zu erkennen, dunkle kurze wuschelige Haare, tief schwarze Augen, die ein Meer von Traurigkeit erahnen ließen, ein aufrechter, gerade Blick. Ich hob das Foto auf und steckte es zurück in den Pass. Mein Herz schlug schneller, als ich durch das Dokument blätterte. Darin entdeckte ich unzählige Stempel, die von einer langen Reise zeugten – Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien…Österreich.

Wie ein Blitz schoß ein Gedanke durch meinen Kopf: Balkanroute! Dachte ich nur.


Dieser kurze Text ist eine Einleitung zu einer Geschichte, die noch geschrieben werden kann. Sie ist inspiriert von dem wunderbaren Buch „Odysseus aus Bagdad“ und den Filmen „Nur wir drei gemeinsam“ und „Wüstentänzer.

Seelenklang

 

Regen, grauer Novemberregen. Schwarze Mäntel, hochgestellte Kragen und deprimierte Gesichter hetzen an mir vorbei. Sie zwängen sich noch in die völlig überfüllte Bahn, zur Abfahrt bereit. Wie Getriebene hasten sie über den Bahnsteig. Eine junge Frau kaum 30 Jahre alt, am Ohr ihr Smartphone und in den Händen unzählige Einkaufstüten rennt, als wäre es die letzte Bahn. Ihr Blick mürrisch und voller Eile. Unsanft schiebt sie mich zur Seite.

Und ich, ich stehe hier am Bahnsteig inmitten der grauen Wintermäntel, die von A nach B hetzen. Menschen von rechts, und Menschen von links wie ein riesiger Schwarm ziehen sie an mir vorbei. Doch, still! Leise! Sanfte, warme Gitarrenklänge dringen an mein Ohr. Sie haben sich ganz unbemerkt ihren Weg zu mir gebahnt. Woher mag die Musik wohl kommen? Mit suchendem Blick schaue ich den Bahnsteig entlang. Am Ende des Bahnsteigs erkenne ich die Umrisse eines Mannes, der lässig an der Wand lehnt. Blaue, ausgewaschene Jeans, den schwarzen Hut ins Gesicht gezogen steht er so da, tief versunken in sein Gitarrenspiel. Entschwunden in eine andere Welt aus sommerlichen Klängen voller Sehnsucht und Leidenschaft.

Begleitet von dieser wundervollen Melodie in meinem Ohr bahne ich mir meinen Weg. Die Zeit scheint still zu stehen und die schwarzen Silhouetten verblassen vor meinen Augen. Und dann stehe ich direkt vor ihm. Und als er aufschaut, lächelt er mich an und sagt mit tiefer, sanfter Stimme: “La música es la sonrisa del alma.” (Musik ist das Lächeln der Seele.) José García, so stellt er sich mir vor.

Warten

Da stand ich nun in diesem Gang. Die Zimmernummern neben den grau gestrichenen Türen, der graue Steinboden unter meinen Füßen und dieses unsägliche matte leicht vergilbte Weiß an den Wänden all das erinnerte mich an eine Zeit, die schon lange zurücklag. Wie lange war das wohl her, 40 Jahre oder mehr, dass ich das letzte Mal in solch einem Gang stand und wartete. Wartete, dass sich die Tür öffnete und der Unterricht begann. Lang ist es her, dass ich selbst die Schulbank drückte.

Ich war zu früh, viel zu früh. Und glauben sie mir, dass passiert mir ganz selten mal. Aber heute hatte ich einen Auftrag direkt um die Ecke. Eine sonderliche, gar unhöfliche Frau, leicht in die Jahre gekommen und besserwisserisch. Den ganzen Tag kontrollierte sie mein tun, ließ mich keine Minute aus den Augen. Ich sehnte den Feierabend herbei und packte mein Werkzeug flink ein. Jetzt war ich hier, der erste wie mir schien. Zumindest war weit und breit keine Seele zu sehen. Einzig eine Stimme hinter der Tür war zu vernehmen, sie dozierte und erklärte mal auf Deutsch, mal auf Russisch. Wohl der wöchentliche Russischkurs. Ich war müde und erschöpft von dem langen Tag und schon seit 6 Uhr auf den Beinen. Am Ende des Ganges entdeckte ich diese Stühle, 5 an der Zahl, nebeneinander aufgereiht und mit schwarzen Stahlrohren zusammengeschweißt. Sie störten ein wenig die Symmetrie. Alles in diesem Gang folgte einer mathematischen Ordnung. Die weißen, runden Lampen, die an messingfarbenen Kabeln von der Decke hingen, die Türen, die zu den einzelnen Kursräumen führten. Ja sogar die Heizkörper hatten sich der Magie der Mathematik unterworfen, so schien es mir. Nur die Stühle, sie vielen aus dem Rahmen. Ich nahm auf einem der Stühle Platz. Tannengrün waren sie. Oh, wie ich diesen Duft des Waldes manchmal in dieser Stadt vermisse. Meine Hände glitten langsam über die glatte Oberfläche des Stuhles. Ich spürte dieses leblose Plastik. Es irritierte mich. Diese Stühle, sie störten nicht nur die Symmetrie, nein, sie stießen mich auch ab. Sie waren ohne Leben.

Ich stand auf. Ich hielt es nicht aus, auf ihnen zu sitzen. Solange ich lebe, möchte ich die Lebendigkeit und den Duft des Holzes spüren, mit meinen Händen seine Struktur entdecken und hören, wie es knarrt, wenn es sich bewegt. Holz ist lebendig. Und ich auch.

Warum schreiben?

Gedanken versunken saß ich in der Ecke des Cafés und schaute den bunten Blättern auf der Straße zu, wie sie vom Winde hin und her gewirbelt wurden. Vor mir lag mein Notizbuch offen, ein weißes Blatt Papier. Als ein Schatten auf meinen Tisch viel. Vor mir tauchte ein alter Mann im schwarzen Mantel auf. Ungefragt nahm er Platz und sagte mit tiefer fester Stimme, er könne mir ein Jahr sorgenloses Schreiben finanzieren. Es gäbe nur eine Bedingung. Und zwar, dass ich ihm erzählte, warum ich schreiben wolle.

Ich hielt einen Moment inne. Und mein Herz fing laut an zu klopfen. Mein erster Gedanke war: Ich möchte die Welt retten, deshalb will ich schreiben. Sicher, ein wenig vermessen und von purem Idealismus getrieben. Aber irgendwie doch sehr sehr wahr.  Schließlich sagte ich zu ihm: „Ich möchte schreiben, um Menschen eine Portion Mut auf ihrem Lebensweg mitzugeben, damit sie ihre eigenen Träume niemals vergessen und ihrem Herzen folgen. In mir stecken tausende Gedanken. Und Worte sind stark. Sie haben die Kraft etwas zu verändern. Im Großen genauso wie im Kleinen. Das möchte ich nutzen. Kreativ und mutig zu gleich Geschichten erzählen, die sich nicht in Dystopien verlieren. Geschichten, die nah an der oft harten Realität des Alltags sind, an Schicksalen, die bewegen und dennoch Mut machen. Das will ich schon seit vielen Jahren.“

Und als ich den alten Mann ansah, während er meinen Worten zuhörte, war mir klar. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich mich selbst endlich traue, meiner inneren Motivation zu folgen und meinem Können zu vertrauen. Und die Kraft meiner eigenen Worte zu nutzen.

7 Thesen zum eigenen Literaturprojekt

„Wenn ich las, was sie schrieb, kam ich dem Menschen, der sie war, so nahe. Es kam mir vor, als würde das Ureigene, das sich in ihr bewegte, dann erst wirklich sichtbar. Im täglichen Leben verschwand es in dem, was wir taten.“ Karl Ove Knausgård

Viele Menschen haben den Traum, irgendwann einmal ein eigenes Buch zu schreiben. Einen Roman, eine Novelle oder Kurzgeschichten. In meiner Literaturklasse haben wir ein paar Thesen für unser eigenes Schreiben mitbekommen, die ich gerne teilen möchte.

 

Abschied nehmen

Wenn Herzen schneller schlagen,
sich in Purzelbäumen verstolpernd durch das Leben gehen,
während andere Herzen drohen still zu stehen.
Neues Leben seinen Anfang sucht.
Altes Leben droht zu Ende zu gehen.
Neue Liebe, alte Liebe
Kinderlachen, am Krankenbett wachen.
Herzen schlagen, bleiben stehen
Zeit wird kommen, Leben vergehen.

Erinnerungen bleiben!

Lachendes und weinendes Herz vereint.
Getrennt – vereint – getrennt.
Herzen schlagen für dich, und für mich
Bleibt eines stehen…
Möchtest du wirklich schon gehen?

Herzen in Purzelbäumen,
einfach träumen.
Liebe, Kinderlachen – Oma, du machst Sachen!
Mein Herz schlägt weiter für dich und für mich.
Spürst du das nicht?

Jetzt erzähle ich dir von meinen glücklichen Kindertagen.
Oma, ich habe dir doch noch soviel zu sagen.

– In Erinnerung an meine geliebte Oma (verstorben am 31. August 2015) –