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Poetry

Seelenklang

 

Regen, grauer Novemberregen. Schwarze Mäntel, hochgestellte Kragen und deprimierte Gesichter hetzen an mir vorbei. Sie zwängen sich noch in die völlig überfüllte Bahn, zur Abfahrt bereit. Wie Getriebene hasten sie über den Bahnsteig. Eine junge Frau kaum 30 Jahre alt, am Ohr ihr Smartphone und in den Händen unzählige Einkaufstüten rennt, als wäre es die letzte Bahn. Ihr Blick mürrisch und voller Eile. Unsanft schiebt sie mich zur Seite.

Und ich, ich stehe hier am Bahnsteig inmitten der grauen Wintermäntel, die von A nach B hetzen. Menschen von rechts, und Menschen von links wie ein riesiger Schwarm ziehen sie an mir vorbei. Doch, still! Leise! Sanfte, warme Gitarrenklänge dringen an mein Ohr. Sie haben sich ganz unbemerkt ihren Weg zu mir gebahnt. Woher mag die Musik wohl kommen? Mit suchendem Blick schaue ich den Bahnsteig entlang. Am Ende des Bahnsteigs erkenne ich die Umrisse eines Mannes, der lässig an der Wand lehnt. Blaue, ausgewaschene Jeans, den schwarzen Hut ins Gesicht gezogen steht er so da, tief versunken in sein Gitarrenspiel. Entschwunden in eine andere Welt aus sommerlichen Klängen voller Sehnsucht und Leidenschaft.

Begleitet von dieser wundervollen Melodie in meinem Ohr bahne ich mir meinen Weg. Die Zeit scheint still zu stehen und die schwarzen Silhouetten verblassen vor meinen Augen. Und dann stehe ich direkt vor ihm. Und als er aufschaut, lächelt er mich an und sagt mit tiefer, sanfter Stimme: “La música es la sonrisa del alma.” (Musik ist das Lächeln der Seele.) José García, so stellt er sich mir vor.